travers – srevart


kurz zitiert #2
Oktober 22, 2006, 10:45
Gespeichert unter: kurz zitiert

Antisemitismus ist im Begriff, wieder zu einer alltäglichen Erscheinung zu werden. In manchen Einheiten der Bundeswehr ist das Wort »Jude« ein gebräuchliches Schimpfwort, genauso wie an bestimmten Schulen oder in Fußballstadien. Sicherlich hat das mit der Brutalisierung der Gesellschaft in Zeiten der sozialen Krise und der verschärften Konkurrenz zu tun. Aber die Umstände erklären noch nicht die Form der Übergriffe. Die Aggression könnte sich auch gegen die Scheiben eines Supermarkts oder eines Arbeitsamts richten. Dass sie Juden, Ausländer und andere Minderheiten trifft, hat mit der spezifischen Verfasstheit dieser Gesellschaft zu tun.

Etwa mit ihrer Neigung, soziale Probleme zu personalisieren. Für die Arbeitslosigkeit werden Ausländer, die den Deutschen angeblich die Arbeitsplätze wegnehmen, verantwortlich gemacht, und für Firmenschließungen angeblich skrupellose Manager aus Übersee, die nur an den Profit dächten. Die Gründe für die Krise dürften die meisten Parteien auch weiterhin nicht im kapitalistischen Wirtschaftssystem, sondern unter den Minderheiten und im Ausland suchen. Wenn die CDU den Wert der ehrlichen, weil »deutschen« Arbeit betont, Sozialdemokraten und Gewerkschafter gegen angelsächsische »Heuschrecken« agitieren, die das Land ausplünderten, und die Linkspartei vor allem Israel zur Bedrohung des Weltfriedens erklärt, dann verstärken sie rassistische und antisemitische Vorurteile in der Bevölkerung, die sie anschließend, wenn die Ressentiments [...] offen zutage treten, lauthals kritisieren und verdammen.

Stefan Wirner in der Jungle World Nummer 42 vom 18. Oktober 2006


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