travers – srevart


Deutschland, ein Sommeralptraum.
Oktober 9, 2006, 1:49
Gespeichert unter: Veröffentlichungen

Auf den Tag genau drei Monate ist das Spektakel Fußball WM heute vorbei. Abgesehen von einigen positiven Sachen, wie schöner Fußball, fliegende Flaschen und ten german bombers, bleibt vor allem der jubelnde deutsche Mob im Gedächtnis. Doch so schnell, wie der neue Hurra-Patriotismus gekommen ist, ist er augenscheinlich auch wieder gegangen. Kaum schoss Allesandro Del Piero das 2:0 für Italien verschwanden plötzlich die ganzen Fahnen von den Autos und den Häusern. Lediglich ganz vereinzelt sieht man jetzt noch ein vergilbtes Fähnchen mehr oder weniger schlaff im Wind hängen. Deutschland hat sich erstaunlich schnell von der WM erholt, alles ist wieder wie vorher. Der erhoffte finanzielle Aufschwung ist ausgeblieben, der Tourismus hat von der WM nicht profitiert und die Läden schließen wieder spätestens um 20Uhr. Nur manch Hartgesottener trägt noch das T-Com Shirt, für das er vor 4 Monaten ordentlich Geld rausgehauen hat. Jürgen Klinsmann ist kein Bundestrainer mehr, jetzt macht Jogi Löw den Job. Verändert hat sich hier also eingentlich auch nichts. Löw war schon zu Klinsmanns Zeit der taktische Kopf im Trainerteam, Klinsmann war der Repräsentant für die Öffentlichkeit, der charismatische Lausbub, der auch in der WM Vorbereitung ein 4:1 gegen Italien positiv verkaufen konnte. Die Nationalelf spielt nach der WM wie vor der WM, nicht schön, aber sie gewinnen. Das einzige was sich eigentlich verändert hat ist, dass eineige neue junge Spieler zum Kader dazugestoßen sind.

Seit Dienstag ist die WM allerdings wieder voll im Gange, denn seit jenem Tag ist Sönke Wortmanns Film „Deutschland, ein Sommermärchen“ in den Kinos und die bundesdeutsche Fußballnation taumelt in die Kinos und verfällt wieder in diese WM Extase. Wortmann hatte die komplette WM lang das deutsche Team mit einer kleinen Kamera begleitet, war bei jedem Spiel mit auf der Bank, hat jedes Training verfolgt, war dabei als Olli Kahn Verdauung hatte und Michael Ballack zärtlich an Lukas Podolskis Ohrläppchen knabberte. Dieses eigentlich sehr interessante Projekt – eine Mannschaft während eines Tuniers zu beobachten und zu begleiten, mit allen Peinlichkeiten und Ausrutschern, allem persönlichen Problem und Zwisten – macht dieser nachträgliche WM Taumel zunichte. Es wird in Erringerungen geschwälgt, darüber gefrotzelt, dass „wir im Film wieder ‘nur’ 3. werden…“ und sich darüber echauffiert, dass Oliver Kahn doch tatsächlich sagt, dass er eigentlich keine Lust mehr hat nach dem Spiel um Platz 3 in Stuttgart extra nochmal nach Berlin zu fliegen, nur um sich einer Million wild gewordener Deppen anbölken zu lassen. Verständlich, wie ich finde.

Es wäre interessant gewesen, das Projekt aus einer völlig neutralen Position zu betrachen, einfach die Situation, dass 23 Spieler plus Trainer plus Betreuer wochenlang aufeinander hocken, sich gegenseitig anzicken, sich zusammen freuen, miteinander Spaß haben und wie sie sich allgemein menschlich untereinander verhalten, aber dies ist ja leider nicht möglich, da man ohne Trikot, Fahne und Schal ohnehin nicht ins Kino kommt um sich den Film anzugucken. Vielleicht bei der nächsten WM…


Noch keine Kommentare bis jetzt
Kommentieren



Kommentieren
Zeilen- und Absatzumbrüche automatisch, E-Mail-Adresse wird nicht angezeigt, HTML-Tags zulässig: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <pre> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>